Lexi­kon Selbsthilfefreundlichkeit

Die fol­gen­den Begriffs­er­klä­run­gen sind nicht als all­ge­mein ver­bind­li­che Defi­ni­tio­nen zu ver­ste­hen. Sie geben die Bedeu­tung im Rah­men unse­res Kon­zepts Selbst­hil­fe­freund­lich­keit und der zuge­hö­ri­gen Selbst­ein­schät­zung für Gesund­heits­ein­rich­tun­gen wieder.

Gere­gelte Maßnahme

Gere­gelt ist eine Maß­nahme dann, wenn nach­voll­zo­gen wer­den kann, wer für die Durch­füh­rung der Maß­nahme ver­ant­wort­lich, bzw. zustän­dig ist, zu wel­chem Zeit­punkt sie durch­ge­führt wird, wo sie doku­men­tiert ist und wie sie in Bezug auf die Ziel­set­zung über­prüft wird.

Pati­en­ten­ori­en­tie­rung

Die gesamte Orga­ni­sa­tion rich­tet sich mit ihren Struk­tu­ren, ihrer Unter­neh­mens­kul­tur und ihren Leis­tun­gen auf die Erfor­der­nisse der Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten aus (sog. interne Pati­en­ten­ori­en­tie­rung).

In allen direk­ten Kon­tak­ten mit ein­zel­nen Pati­en­ten und Selbst­hil­fe­zu­sam­men­schlüs­sen wird in der Kom­mu­ni­ka­tion und Inter­ak­tion eine part­ner­schaft­li­che, auf Pati­en­ten­be­dürf­nisse aus­ge­rich­tete Grund­hal­tung prak­ti­ziert (sog. externe Pati­en­ten­ori­en­tie­rung).

Pati­en­ten­ori­en­tie­rung, selbsthilfebezogen

bedeu­tet, dass das Han­deln und Ver­hal­ten einer Gesund­heits­ein­rich­tung und der in ihr Täti­gen dar­auf aus­ge­rich­tet sind, Selbst­hilfe zu ermöglichen.
Indi­vi­du­ell soll dies durch akti­ves Infor­mie­ren, Betei­li­gen und Befä­hi­gen erfolgen.
Auf kol­lek­ti­ver Ebene för­dern selbst­hil­fe­freund­li­che Gesund­heits­ein­rich­tun­gen dies ins­be­son­dere durch die Koope­ra­tion mit Selbst­hil­fe­zu­sam­men­schlüs­sen von Pati­en­ten bzw. Ange­hö­ri­gen in einem Indikationsgebiet.
Selbst­hil­fe­be­zo­gene Pati­en­ten­ori­en­tie­rung ist zugleich eine Hal­tung, in der die psy­cho­so­ziale Unter­stüt­zung und Anlei­tung der Pati­en­ten und Ange­hö­ri­gen zur Selbst­hilfe als kom­ple­men­tär zum ärzt­li­chen / pfle­ge­ri­schen Han­deln aner­kannt wird.

Qua­li­täts­zir­kel

Eine kleine, frei­wil­lig und ver­bind­lich zusam­men­ar­bei­tende Gruppe von Mit­ar­bei­tern aus der Gesund­heits­ein­rich­tung und Ver­tre­tern aus der Selbst­hilfe, die — unter Anlei­tung eines Mode­ra­tors — Ziele und prak­ti­ka­ble Maß­nah­men zur Umset­zung der Qua­li­täts­kri­te­rien zur Selbst­hil­fe­freund­lich­keit metho­disch ent­wi­ckelt und deren Ver­wirk­li­chung bewertet.

Rele­vant

Hier­mit ist eine Ein­schrän­kung der Gül­tig­keit oder Wirk­sam­keit von Berei­chen, Per­so­nen­kreis und Inhal­ten gegen­über der For­mu­lie­rung „alle“ ausgedrückt.

Die jewei­lige Gesund­heits­ein­rich­tung defi­niert dabei selbst — ggf. auch gemein­sam mit ihren Koope­ra­ti­ons­part­nern —  was im Ein­zel­fall als „rele­vant“ betrach­tet wird und legt dies nach­voll­zieh­bar dar. Damit wird einer­seits Ver­bind­lich­keit geför­dert, ande­rer­seits eröff­net es Hand­lungs­spiel­räume und ermög­licht die Anpas­sung an die tat­säch­li­chen Gegebenheiten.

Selbst­be­wer­tung

In einem sys­te­ma­ti­schen und doku­men­tier­ten Pro­zess wird beur­teilt, ob die ver­ein­bar­ten Ziele und Maß­nah­men die Qua­li­täts­kri­te­rien zur Selbst­hil­fe­freund­lich­keit ange­mes­sen, wirk­sam und nach­weis­lich umsetzen.

Die Selbst­be­wer­tung wird von den Mit­glie­dern des Qua­li­täts­zir­kels Selbst­hil­fe­freund­lich­keit durch­ge­führt, da sie die kon­kre­ten Mög­lich­kei­ten und Wir­kun­gen der Ziele und Maß­nah­men aus eige­ner Anschau­ung ken­nen und beur­tei­len kön­nen, weil sie diese mit­ge­stal­ten oder davon betrof­fen sind (siehe Qualitätszirkel).

Selbst­hil­fe­be­auf­tragte

Der oder die Selbst­hil­fe­be­auf­tragte wird von der Gesund­heits­ein­rich­tung als Ansprech­part­ner zum Thema Selbst­hilfe benannt und unter­stützt hier gezielt und aktiv Maß­nah­men zur Koope­ra­tion mit der gemein­schaft­li­chen Selbst­hilfe auf der Grund­lage der Qua­li­täts­kri­te­rien zur Selbsthilfefreundlichkeit.

Die benannte Per­son fun­giert dabei sowohl nach innen (für Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter) als auch nach außen (für Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten, ihre Ange­hö­ri­gen, Selbst­hil­fe­ak­tive und die Selbst­hil­fe­konn­takt­stelle) als zen­trale Anlauf­stelle für Selbsthilfe.

Der oder die Selbst­hil­fe­be­auf­tragte nimmt dabei eine Quer­schnitts­auf­gabe (Stabs­stel­len­funk­tion) wahr, die ihm hier­ar­chie­über­grei­fend einen guten Zugang zu allen Ebe­nen und funk­tio­nel­len Berei­chen ermög­licht und ist Mit­glied im Steuerkreis.

Selbst­hil­fe­gruppe

Frei­wil­li­ger Zusam­men­schluss von Betrof­fe­nen bzw. Ange­hö­ri­gen in einem medi­zi­ni­schen oder psy­cho­so­zia­len Indi­ka­ti­ons­ge­biet. Merk­male einer Selbst­hil­fe­gruppe sind Selbst­be­trof­fen­heit, Selbst­be­stim­mung und unent­gelt­li­che gegen­sei­tige Hilfe.

Ört­li­che Selbst­hil­fe­grup­pen kön­nen bei einer Selbst­hil­fe­or­ga­ni­sa­tion ein­ge­bun­den oder unab­hän­gig sein und arbei­ten. Sie kön­nen bei einer chro­ni­schen Erkran­kung und Behin­de­rung, wie zum Bei­spiel Krebs oder Mul­ti­pler Skle­rose auf Dauer oder in einer bestimm­ten Lebens­si­tua­tion, zum Bei­spiel bei Tren­nung / Schei­dung oder einem Trau­er­fall, auf einen begrenz­ten Zeit­raum ange­legt sein.

Durch­ge­führt wer­den regel­mä­ßige Grup­pen­tref­fen, die dem Aus­tausch, der Infor­ma­tion, der gegen­sei­ti­gen Hilfe und gemein­sa­men Akti­vi­tä­ten die­nen. Im Zen­trum steht das ver­trau­ens­volle, offene Gespräch.

Selbst­hil­fe­grup­pen wer­den im Zusam­men­hang mit dem Kon­zept Selbst­hil­fe­freund­lich­keit als Syn­onym für alle Selbst­hil­fe­zu­sam­men­schlüsse, also auch Selbst­hil­fe­or­ga­ni­sa­tio­nen, -ver­bände und -ver­ei­ni­gun­gen benutzt.

Selbst­hil­fe­kon­takt­stel­len

sind eigen­stän­dige, pro­fes­sio­nelle Bera­tungs­ein­rich­tun­gen auf ört­li­cher und regio­na­ler Ebene zur Ver­brei­tung des Selbst­hil­fe­ge­dan­kens in der Region. Sie arbei­ten fach, The­men und trä­ger­über­grei­fend, sind also nicht auf eine bestimmte Pro­blem­stel­lung oder Erkran­kung bezo­gen oder begrenzt. Sie ver­fü­gen über auto­amt­li­ches Per­so­nal, Ruhe und Ressourcen.

Selbst­hil­fe­kon­takt­stel­len unter­stüt­zen kon­kret Selbst­hil­fe­grup­pen vor Ort (Räume, finan­zi­elle Mit­tel, Bera­tung), ver­mit­teln Inter­es­sierte an Selbst­hil­fe­grup­pen, för­dern den Auf­bau neuer Selbst­hil­fe­grup­pen und ver­ste­hen sich als „Brü­cke“ in der Zusam­men­ar­beit zwi­schen Selbst­hil­fe­grup­pen und dem pro­fes­sio­nel­len Versorgungssystem.

Selbst­hil­fe­or­ga­ni­sa­tion

sind in der Regel ver­band­lich ver­fasste Orga­ni­sa­tio­nen von über­wie­gend oder aus­schließ­lich natür­li­chen Per­so­nen auf Bun­des­ebene, gege­be­nen­falls mit Unter­glie­de­run­gen oder stell­ver­tre­ten­den Ein­zel­per­so­nen auf Lan­des-, Regio­nal- oder Orts­ebene. Selbst­hil­fe­or­ga­ni­sa­tio­nen arbei­ten in der Regel zu einem spe­zi­fi­schen Thema oder Anliegen.

 

Selbst­ein­schät­zung

Die Selbst­ein­schät­zung dient der Gesund­heits­ein­rich­tun­gen zur jähr­li­chen, inter­nen Fort­schritts­kon­trolle auf dem Weg zur Selbst­hil­fe­freund­lich­keit. Der zugrun­de­lie­gende Selbst­ein­schät­zungs­bo­gen ent­hält zahl­rei­che kon­krete, empi­risch fun­dierte Aus­sa­gen sowohl zu den Stan­dards der struk­tu­rel­len Imple­men­tie­rung einer selbst­hil­fe­be­zo­ge­nen Pati­en­ten­ori­en­tie­rung als auch zu Maß­nah­men, mit denen die Qua­li­täts­kri­te­rien zur Selbst­hil­fe­freund­lich­keit auf der ope­ra­ti­ven Ebene bei­spiel­haft umge­setzt wer­den können.

Die Selbst­ein­schät­zung wird in der Regel gemein­sam von Steu­er­gruppe und der oder dem Selbst­hil­fe­be­auf­trag­ten vorgenommen.

Stan­dard­maß­nah­men

sind ver­all­ge­mei­ner­bare, bei­spiel­hafte Maß­nah­men, mit denen erst­mals in zwei Pilot­pro­jek­ten zur Selbst­hil­fe­freund­lich­keit in Ham­burg und in NRW an meh­re­ren Gesund­heits­ein­rich­tun­gen die Qua­li­täts­kri­te­rien zur Selbst­hil­fe­freund­lich­keit kon­kret umge­setzt wurden.

Die Stan­dard­maß­nah­men die­nen als Vor­lage für die Ent­wick­lung pass­ge­nauer Maß­nah­men vor Ort.

Steu­er­gruppe / Steuerkreis

Ein inter­dis­zi­pli­nä­res Gre­mium in der Gesund­heits­ein­rich­tung, das die selbst­hil­fe­ori­en­tierte Pati­en­ten­ori­en­tie­rung auf allen rele­van­ten Ebe­nen vor­an­bringt und den Pro­zess zur Umset­zung der Qua­li­täts­kri­te­rien zur Selbst­hil­fe­freund­lich­keit kon­trol­liert. Die Steu­er­gruppe unter­stützt aktiv den / die Selbsthilfebeauftrage(n).

Struk­tu­riert

gemeint ist eine anschau­li­che und geord­nete Vor­ge­hens­weise für eine erfolg­rei­che Koope­ra­tion, der die Qua­li­täts­kri­te­rien zur Selbst­hil­fe­freund­lich­keit zugrunde liegen.

Sys­te­ma­tisch

gemeint ist die ziel­ge­rich­tete, ent­spre­chend der PDCA-Sys­te­ma­tik nach­voll­zieh­bare Umset­zung der Qua­li­täts­kri­te­rien zur Selbst­hil­fe­freund­lich­keit in der Gesundheitseinrichtung.